Grossbritannien als Vorbild: Was die Schweiz von der britischen 3R-Strategie lernen kann

Grossbritannien hat eine neue nationale 3R-Strategie publiziert. Was kann die Schweiz davon lernen? Wir fragen Nico Müller, Projektverantwortlicher des NFP 79 und Experte in Übergangsplanung.
Im November 2025 veröffentlichte Grossbritannien das Strategiepapier «Replacing animals in science: A strategy to support the development, validation and uptake of alternative methods». Mit seinem grossen Umfang, Detailgrad sowie dem starken Fokus auf wissenschaftliche Innovation und rechtliche Anerkennung alternativer Methoden hebt es sich von früheren internationalen Initiativen ab. Was bedeutet das für die laufenden Diskussionen rund um die 3R-Prinzipien und deren Übernahme in der Schweiz? Um diese Fragen zu beleuchten, teilt Nico Müller seine Einschätzung zum britischen Ansatz: zu dessen Stärken und Grenzen sowie dessen Relevanz aus Schweizer Sicht.
Wie beurteilen Sie insgesamt die neue britische Strategie, die Nutzung von Tieren in der Wissenschaft zu vermeiden?
Im Vergleich zu früheren Strategiepapieren anderer Länder gehört die britische Strategie zu den bislang umfassendsten und detailliertesten. Sie unterscheidet sich vom Fahrplan der EU zur Verminderung von Tierversuchen: Diese konzentriert sich hauptsächlich darauf, Tierversuche zu mit Blick auf regulatorische Herausforderungen zu reduzieren. Die britische Strategie hingegen befasst sich breiter mit der wissenschaftlichen Forschung, ohne regulatorische Aspekte zu vernachlässigen. Auch auf die Frage, wie Ersatzmethoden verstärkt gefördert werden können, geht sie konkreter ein als beispielsweise die Übergangsstrategie, welche die niederländische Regierung 2015 in Auftrag gab, oder der noch unveröffentlichte deutsche Entwurf für einen Reduktionsplan.
Welche Elemente der britischen Strategie halten Sie für besonders überzeugend oder innovativ?
Die Strategie konzentriert sich zwar darauf, die Innovation, Validierung und Nutzung von Ersatzmethoden zu unterstützen. Doch sie bekräftigt auch ein Engagement, in datengestützte Biologie zu investieren. Es besteht die Hoffnung, bestehende Daten auf neue Weise zu nutzen – manchmal mithilfe künstlicher Intelligenz – und auf diesem Weg Durchbrüche zu ermöglichen, beispielsweise in der Arzneimittelforschung. Das ist bemerkenswert, denn es geht nicht nur darum, ein Materialmodell durch ein anderes zu ersetzen, konkret das Tier durch eine neue, alternative Methode. Sondern es geht darum, Fragen zu stellen, welche die direkte Verwendung von Materialmodellen gar nicht erst erfordern. Einen ähnlichen Ansatz erwähnte auch das US-amerikanische National Institutes of Health in jüngsten Mitteilungen.
Aus Schweizer Sicht: Welche Aspekte des britischen Ansatzes könnten am relevantesten oder auf die Schweiz übertragbar sein? In welchen Bereichen könnte sie realistischerweise vom britischen Modell lernen oder darauf aufbauen?
In der Schweiz besteht eine grosse Sorge darin, dass eine Übergangsstrategie faktisch auf ein schrittweises Verbot von Tierversuchen hinauslaufen würde. Das schürt die Befürchtung, dass die Forschungsfreiheit eingeschränkt, Innovationen gebremst oder Tierversuche einfach ins Ausland verlegt würden. Die Strategie von Grossbritannien zeigt jedoch: Es ist möglich, einen Übergang weg von Tierversuchen zu fördern, ohne neue restriktive Vorschriften einzuführen. Stattdessen konzentriert sie sich darauf, Infrastrukturen aufzubauen und zu finanzieren sowie Institutionen zu schaffen oder anzupassen. Wenn die Schweiz in Zukunft eine Übergangsstrategie einführen würde, müsste sie wahrscheinlich einen ähnlichen Ansatz verfolgen – den man als «planning without banning» bezeichnen könnte.
Wie beurteilen Sie das im britischen Papier erzielte Verhältnis zwischen der Förderung von alternativen Methoden und der Anerkennung, dass einige Tierversuche fortgesetzt werden?
In der Strategie werden Tierversuche in drei Kategorien unterteilt: Die erste umfasst Versuche, die bereits ersetzt werden können. In die zweite fallen Versuche, für die es Alternativen gibt, die aber noch validiert werden müssen. Und die dritte Kategorie umfasst diejenigen Versuche, für die es derzeit keine Ersatzmethoden gibt. Am konkretesten wird die Strategie für die ersten beiden Kategorien. Sie zielt zum Beispiel darauf ab, den Einsatz des Kaninchen-Pyrogentests in Grossbritannien bis 2026 zu beenden. Des Weiteren soll die Verwendung von Hunden und nichtmenschlichen Primaten in bestimmten pharmakokinetischen Studien bis 2023 um 35 Prozent verringert werden. Die dritte Kategorie ist jedoch die grösste und herausforderndste. Hier stützt sich die Strategie vor allem darauf, Bottom-up-Innovationen verstärkt zu unterstützen, sie vermeidet es aber, sehr spezifische Ziele festzulegen. Insgesamt zeigt dies einen vorsichtigen Ansatz, der von Versprechungen absieht, die noch nicht gehalten werden können.
Ist es wissenschaftlich realistisch zu erwarten, dass die meisten Tierversuche in naher Zukunft durch alternative Methoden ersetzt werden können?
Die britische Strategie selbst behauptet nicht, dass die meisten Tierversuche in naher Zukunft ersetzt werden können. Dennoch ist die Frage wichtig. Eine wesentliche Herausforderung besteht darin, dass gerade in der Grundlagenforschung ständig neue Tierversuche entwickelt werden. Fortschritte wie genetische Modifikationen, neue bildgebende Verfahren oder die Nutzung bisher nicht gebräuchlicher Tierarten schaffen fortlaufend neue Anwendungsmöglichkeiten, die nur mit grossem Aufwand ersetzt werden können. Ich erörtere diese Dynamik in einem Artikel im European Journal for the Philosophy of Science, wo ich sie als «Lane-Petter’s Pipeline» bezeichne. Das Konzept wurde erstmals 1961 vom gleichnamigen Wissenschaftler beschrieben. Es legt nahe, dass ein echter Übergang nicht nur Ersatzmethoden erfordert, sondern auch eine Veränderung der Modelle, die entwickelt werden.
Die Europäische Union strebt ebenfalls eine koordinierte Strategie zu den alternativen Methoden und den 3R an. Wie wichtig ist die internationale Abstimmung in diesem Bereich und welche Risiken sehen Sie, wenn die Länder mit unterschiedlicher Geschwindigkeit voranschreiten?
In gewisser Weise stellt die britische Strategie die Strukturen wieder her, die durch den Brexit verloren gingen. So wird beispielsweise in neues Validierungsinstitut namens UKCVAM gegründet, da Grossbritannien nicht mehr Mitglied des europäischen Pendants ECVAM ist. Unter den gegebenen Umständen mag dies die beste Lösung sein. Trotzdem bleibt die länderübergreifende Zusammenarbeit unerlässlich, gerade bei der Validierung von Alternativmethoden für regulatorische Zwecke. In der Wissenschaftspolitik könnte eine gewisse Vielfalt an Ansätzen hingegen von Nutzen sein. Wenn verschiedene Länder unterschiedliche Zusammensetzungen von Instrumenten testen, erhöht sich die Chance, dass sich wirksame Lösungen herausbilden. Die Schweiz könnte auch eine abwartende Haltung einnehmen. Das liesse sich aber nur schwer mit ihrem Selbstverständnis als Vorreiterin im Tierschutz vereinbaren. Ausserdem könnte sie dadurch potenzielle wirtschaftliche Vorteile als Vorreiterin verpassen.
